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Stadtentwicklungssalon | Gemeinwohlorientierte Flächenentwicklung: Werkzeuge einer aktiven Bodenpolitik und Kooperationserfahrungen

Text von Max-Mosche Kohlstadt | Bild von Dalibor Relic

Nachdem die Entstehungsgeschichte rund um den Utopiastadt Campus im Rahmen des letzten Stadtentwicklungssalons genauer betrachtet wurde, weitete der 9. Stadtentwicklungssalon den Blick noch einmal überregional aus. Am vergangenen Mittwochabend (19. Mai 2021) berichteten Ricarda Pätzold, Dr. Michael Zumpe und Tobias Stroppel, mit Moderation durch Sascha Gajewski vom Verein „STADTRAUM 5und4“, aus verschiedenen Perspektiven und Projekten über ihre Erfahrungen bzgl. der Sicherung von Stadtentwicklungsflächen und den Mechanismen der Zusammenarbeit mit Kommunen und Städten. Die nachfolgenden Zeilen sollen einen groben Überblick über die Inhalte und Redebeiträge des Abends ausbreiten. Um den 9. Stadtentwicklungssalon noch einmal in voller Länge Revue passieren zu lassen, bietet sich die Aufzeichnung des Abends oder weiterführende Literatur an. Hier geht es zur Aufnahme [Playlist auf Youtube].

Graphic-Recording von Dalibor Relic

Während der 8. Stadtentwicklungssalon einen groben Überblick über das exemplarische Beispiel des Utopiastadt Campus eröffnete, blieb die Frage offen, ob es sich bei der erfolgreichen Sicherung der Flächen des Campus um einen Einzelfall oder vielmehr einen strukturellen Vorgang handle, der nach gewissen Mustern abläuft und somit auch gewissen Regeln und Handlungsräumen unterliegt. Die Dipl.-Ing. Ricarda Pätzold arbeitet beim Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) und hat sich in den vergangenen Jahren aus einer wissenschaftlichen Perspektive mit Instrumenten und Maßnahmen strategischer und aktiver kommunaler Bodenpolitik auseinandergesetzt. Hier geht es zur Studie [Link]. Demnach ist Boden durch gewisse Charakteristika definiert, die ihn zu einem nicht vermehrbar Gut machen, zum anderen aber durch einen stetig größer werdenden Bedarf kennzeichnet. Das führt dazu, dass gerade die Preise des urbanen Bodens stetig ansteigen, und damit einhergehend auch die Nutzungen die aus diesem Boden hervorgehen, wie z.B. das Wohnen. In Kombination mit immer stärker verarmenden Kommunen führt dies zu einem Dilemma – Kommunen veräußerten Boden zu früh, fehlende finanzielle Mittel verhindern den Rückkauf zum Zwecke der Stadtentwicklung. Die Auflösung dieses Dilemmas besteht in der Etablierung und Entwicklung einer aktiven kommunalen Bodenpolitk, die sich sowohl durch Nachhaltigkeit als auch durch Zukunftsorientierung auszeichnet. Zentrales Anliegen dieser Bodenpolitik ist im besten Fall das gemeinwohlverträgliche Lösen der Frage, wie mit dem knappen Gut des Bodens verfahren werden soll. Wie aber kann diese Frage gelöst werden?
Langfristig, so empfiehlt die Baulandskommission, sollte eine gewisse Bodenvorratspolitik etabliert werden, die urbane Flächen nicht direkt veräußert, sondern für geeignete Zwecke sichert. Kurzfristig gibt es jedoch gewisse Werkzeuge die als bodenpolitischen Strategien sinnvoll eingesetzt werden können. Zum einen betreffen diese die Art und Weise der Vergabe kommunaler Flächen, zum anderen die fortwährende Entwicklung von Bestandsflächen und die neuwertige Baulandentwicklung auf der grünen Wiese. Aber auch die Kooperation zwischen bürgerschaftlichen Initiativen und Kommunen stellt einen essenziellen Schlüssel zu einer gemeinwohlorientierten Bodenpolitik dar. Um diese Kooperation möglichst ergiebig zu gestalten und über bloße Zwischennutzungsverträge hinauszublicken, können bürgerschaftlichen Akteur*innen durch finanzielle Mittel und Bürgschaften der Kommunen abgesichert werden. Langfristig sollte Boden selbst jedoch schrittweise der Verwertungslogik des Marktes entzogen werden. Die Initiativen tragen bundesweit dazu bei, Bodenpolitik wieder in die Mitte der Debatte zu rücken und die scheinbare Willkür der vergangenen Jahrzehnte einer passiven Bodenpolitik aufzuschlüsseln. Boden und die Politik, die über ihn verfügt, bedarf demnach einer fortschreitenden Revolution die aushandelt, wem Stadt tatsächlich gehört und wer darüber verfügt. Das hochgepriesene Zauberinstrument zur Lösung aller Probleme gibt es allerdings nicht. Oftmals erübrigt es sich als sinnvoller eine standortvariable Aushandlung von Maßnahmen zwischen Kommunen und Initiativen anzustoßen, die individuelle Bedürfnisse und Gegebenheiten berücksichtigt.

Ausschnitt aus dem Graphic-Recording von Dalibor Relic

Dr. Michael Zumpe konnte einen solchen Prozess hautnah miterleben. Er ist Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft „Haus zum Maulbeerbaum“ in Landau, die sich zum Ziel setzte ein etwa 700 Jahre altes Haus vor dem Abriss zu bewahren und für die Kommune zu erhalten. Nachdem das Haus im Mittelalter in kirchlichem Besitz verblieb, wurde es später erst zu einem städtischen Gasthaus und dann zu einem privaten und Kaufhaus. In den Nachkriegsjahren wechselte das Gebäude mehrmals den privaten Besitzenden, wurde unter Denkmalschutz gestellt und ging Anfang der Jahrhundertwende in den Besitz der Stadt Landau über. Um das historische Gebäude zu erhalten, gründete sich 2011 der „Freunde des Hauses Zum Maulbeerbaum Landau e. V.“, der sich sowohl historisch als auch kulturell für das Gebäude interessierte. Doch auch hier waren finanzielle Mittel knapp. 2013 entschied sich die Stadt dazu das Haus abzureißen, wenn sich kurzfristig kein*e Investor*in finde. So gründete der e.V. 2015 eine gemeinnützige Genossenschaft und erarbeitet ein Konzept für die Sanierung und weiterführende Nutzung des Gebäudes. Die Kommune verhielt sich eher skeptisch, stellte jedoch unter utopischen Bedingungen die Möglichkeit das Haus an die Genossenschaft zu übertragen. Die Bedingungen äußerten sich in 800.000€ Eigenanteil und der Entwicklung eines Finanzplanes innerhalb von achtzehn Monaten. Doch entgegen des erwarteten Scheiterns änderte sich die Sachlage 2016 nach dem Wechsel des Oberbürgermeisters. Er änderte die Haltung der  Kommune gegenüber der Genossenschaft, befürwortete das Vorhaben, stutze Bedingungen zurück und trug dazu bei, dass der Genossenschaft das Haus übertragen wurde. Darüber hinaus wurde das finanzielle Budget, dass ursprünglich zum Abriss des Gebäudes verwendet werden sollte, als Startkapital für die Sanierung umfunktioniert. Im Januar 2020 begannen die ersten Baumaßnahmen und inzwischen konnte das historische Gebäude bereits so weit hergestellt werden, dass es nicht mehr einsturzgefährdet ist.
Aber wie kam es zum Erfolg des Vorhabens? Welche Faktoren fielen begünstigen aus? Zumpe berichtet, dass vor allem die Rechtsform der Genossenschaft, also die Ansammlung von Bürger*innen und Zusammenführung ihrer Interessen, in Kombination mit der Gemeinnützigkeit des realistischen Konzepts, entscheidende Kräfte in Bewegung setzen. Des Weiteren trug die Partnerschaft mit der Stadt, die personelle Verbindung in die Stadtspitze, als auch die Unterstützung durch die Länderpolitik dazu bei, dass das Projekt großen Rückhalt aus richtigen Kreisen erhielt. Zumpe ist auch der Überzeugung, dass die wohlwollende Berichterstattung der Medien dazu beitrug, dass der Rückhalt in der Bürgerschaft allgegenwärtig ist.

Ausschnitt aus dem Graphic-Recording von Dalibor Relic

Auch Tobias Stroppel ist in einen bürgerschaftlichen Prozess der Sicherung und Entwicklung von urbanen Flächen involviert. Er ist Geschäftsführer der B-Side GmbH Münster, die einen Gebäudekomplex mit umliegenden Flächen im Münsteraner Stadthafen 1 sicherte und fortan für kreative und kulturelle Nutzung entwickelte. Bei dem Gebäudekomplex handelt es sich um einen recht zentrumsnahen ehemaligen Lebensmittelspeicher, der lange Zeit lediglich als Lagerraum genutzt wurde, bis er ab ca. 2010 durch kreative Akteur*innen zwischengenutzt wurde. Hier entwickelte sie eine nicht-kommerzieller kreativer Raum für Münsteraner*innen und Kultur. Ab 2015 liefen jedoch die Erbbaurechtsverträge aus und die Stadt wollte sowohl das Grundstück, als auch den umliegenden Hafen entwickeln. Angesichts der zentralen Lage und dem Standort Münster, blieb die Suche nach Investor*innen, die hochpreisige Büroräumlichkeiten entwickeln wollten, nicht lange erfolglos. Da die Stadt und die Investor*innen die bereits vorhandene aktiven Szene und Anwohnerschaft jedoch nicht in den Prozess mit einbezogen, entwickelte sich Protest aus der Zivilgesellschaft, die sich aktiv gegen eine kommerzielle Nutzung der Flächen, und für eine gemeinwohl- und bedarfsorientierte Entwicklung der Fläche, aussprach. Was genau unter Gemeinwohlorientierung im Quartier zu verstehen ist, wird im Rahmen der B-Side in halbjährlich stattfindenden Quartierskongressen mit 200 wechselnden und zufällig zusammengestellten Anwohner*innen des Quartiers ausgehandelt. In diesen Kongress entwickeln sie einen Quartiersgemeinwohlindex, in dem die Ziele der Gemeinnützigkeit festgeschrieben sind. Während in den kommenden Jahren das gesamte Umfeld zu renditenorientierten Glaspalästen modernisiert wird, bleibt die B-Side als Insel und Produkt des zivilgesellschaftlichen Engagement für das Quartier bestehen. So wurden gemeinsam mit der Stadt und der Wirtschaftsförderung ein Nutzungsüberlassungsvertrag ausgehandelt, der der B-Side vorerst für die kommenden 20 Jahre ermöglicht, das Gebäude nach den festgeschriebenen Vorgaben zu nutzen. Eine Übertragung des Erbbaurechts war anfangs angedacht, wurde jedoch vonseiten der Stadt Münster nachfolgend zurückgezogen.
Stroppel ist der Auffassung das im Prozess der Etablierung der B-Side keine institutionalisierten Instrumente der Bodensicherung angewendet wurden. Vielmehr geht er davon aus, dass Einzelfallentscheidungen auf Basis des anfänglichen zivilgesellschaftlichen Protests und öffentlichen Auseinandersetzung zum Erfolg des Vorhabens führten. So ist es anzunehmen, dass angesichts des Münsteraner Beispiels, auch nach wie vor kein strukturelles Umdenken stattgefunden hat, sondern vielmehr eine Entscheidungsfindung auf Einzelfallbasis. Der Fakt, dass diese Einzelfallentscheidung funktionieren kann, bedeutet allerdings nicht, dass langfristig keine Etablierung und Entwicklung einer Bodenpolitik notwendig ist, um urbane Vielfalt möglichst flächendeckend und gentrifizierungsfrei zu ermöglichen.

Mitschnitt aus dem Stream | (u.l.) Ricarda Pätzold, (u.r.) Dr. Michael Zumpe, (o.r.) Tobias Stroppel und (o.l.) Sascha Gajewski

Letztendlich bleibt zu vermerken, dass bodenpolitische Entscheidungen immer auf strukturellen Gegebenheiten fußen und diese somit bedingen. Nur weil die Werkzeuge dafür nicht explizit angewandt werden, beeinflussen sie somit trotz alledem den Prozess. Pätzold hält fest, dass nicht alle erfolgreichen Projekte lediglich Glück haben, sondern vielmehr strukturelle Prozesse und Wohlwollen aus vorangegangenen Prozessen über Erfolg entscheiden. Gleichzeitig reichen Kommunen jedoch keine Leuchtturmimpulse aus anderen Städten – sie müssen oftmals selbst Erfahrungen machen, bevor sie Vertrauen in bürgerschaftlichen Projekte fließen lassen. Paradoxerweise begegnen Kommunen den Investor*innen, die mit ihren Vorhaben auch scheitern können, mit mehr Vertrauen. Das zeigt erneut, wie sehr Boden und dessen Möglichkeiten in eine Marktlogik eingebunden ist, die ihn als verwertbares Gut wahrnehmen und nicht als gemeinwohlorientierte Verpflichtung. Zumpe betont außerdem abschließend noch einmal, wie wichtig die wohlwollende Verbindung zur Kommune bleibt. Schlussendlich müsse man den Kommunen klarmachen, dass ein Scheitern gemeinwohlorientierter Projekte, an von der Stadt konstruierten Hürden, auch immer rückwirkend auf die Kommune reflektiert. Am Ende kommt es darauf an, ausdauernd am Ball zu bleiben und gemeinsam den Kipppunkt der Kommune zu erreichen.

Die gesammelten Werkzeuge und geschilderten Erfahrungen werden in einer dritten Veranstaltung im Juli mit lokalen Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung auf ihre Übertragbarkeit und Anwendbarkeit in Wuppertal diskutiert. Das Forum:Mirke bedankt sich bei allen Gäst*innen für ihre Redebeiträge und für die Unterstützung durch die Bezirksvertretung Elberfeld und den Projektpartner Baukultur Nordrhein-Westfalen e.V.. Falls du die Veranstaltung nochmal anschauen möchtest, kannst du dies unter folgendem Link tun [Link zur Playlist]. Auf Grund technischer Schwierigkeiten, wurde der Videomitschnitt in mehrere Videos aufgeteilt.

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Gemeinwohlorientierte Flächenentwicklung:

Der Utopiastadt Campus als Impuls?

Graphic-Recording von Dalibor Relic

Utopiastadt ist ein zentraler Ort im Quartier. Das ist zu einem dem kreativen und nachhaltigen Schaffen der ehrenamtlichen Utopist*innen zuzuschreiben, zum anderen allerdings ebenso Ergebnis eines langwierigen Prozesses der Sicherung der umliegenden Flächen – dem Utopistadt Campus. Diese 50.000 qm große Fläche, die den ehemaligen Bahnhof Mirke und die angrenzende Nordbahntrasse umschließen, eröffnet Raum für bürgerschaftliche Stadtentwicklung mitten im urbanen Raum. Eine Ausgangslage die in zeitgenössischen Stadtbildern nicht mehr oft zu finden ist. Doch diese Gegebenheit kommt nicht von irgendwo. Ein langwieriger Kommunikationsprozess mit der Stadt Wuppertal, den ehemaligen Besitzer*innen der Fläche und den Utopist*innen setzte die Grundlage für diesen Status Quo. Aber wie kam es zu dieser Ausgangslage? Wie unterscheidet sich der Prozess im Quartier Mirke von den vielen vergleichbaren, jedoch zumeist gescheiterten, Prozessen in der Bundesrepublik? Und inwiefern kann der Erfolg als Impuls für eine aktive Bodenpolitik verstanden werden? Diesen grundlegenden Fragen widmete sich der 8. Stadtentwicklungssalon am Dienstag, dem 09. März 2021.

Einen ausführlichen Bericht zu dem Termin findest Du auf der Homepage des Quartier:Mirke.

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8. Stadtentwicklungssalon | Gemeinwohlorientierte Flächenentwicklung

Gemeinwohlorientierte Flächenentwicklung
Der Utopiastadt Campus als Impuls für eine aktive Bodenpolitik

In den vergangen Jahren hat Utopiastadt große Teile der Flächen rund um den Bahnhof Mirke für den »Utopiastadt Campus« erworben. Ihre Entwicklung soll sich in Zukunft an den Prinzipien von Gemeinwohl und Koproduktion orientieren. Doch über die Hintergründe der Entwicklung ist wenig bekannt. Die erste Veranstaltung am 9. März 2021 wirft daher einen Blick auf die Geschichte des Campus, den Aushandlungsprozess zwischen verschiedenen Akteuren und auf die Ziele, die mit der Entwicklung verfolgt werden.

Das Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit (transzent) der Universität Wuppertal hat die Entwicklung seit 2016 begleitet. Die wissenschaftliche Analyse des Prozesses zeigt auf, wie verschiedene Faktoren zusammengewirkt haben, um die Entwicklung in dieser Form möglich zu machen. Neben dem Engagement von Utopiastadt und der Unterstützung aus Verwaltung und Politik hat dabei der »Utopiastadt Campus Flächenentwicklungsbeirats« (UCF) eine zentrale Rolle gespielt. In diesem Gremium haben Utopiastadt, Flächeneigentümerin, Stadtverwaltung und Wirtschaftsförderung zusammengearbeitet, um eine gemeinsame Lösung für die Zukunft des Campus zu finden.

Zum Ende der Veranstaltung steht dann die Frage im Raum, ob der Prozess und das Modell des Beirats auf andere Flächen und andere Städte übertragbar sind, und was eine Kommune daraus für ihre Bodenpolitik lernen kann. Welche Strukturen bräuchte es, um Prozesse wie diesen hier und anderswo in Zukunft leichter zu machen?

Wann und Wo?
Am Dienstag, dem 09. März 2021 um 19 Uhr live auf stew.one.

Moderation:
Sven Macdonald (Förderverein Utopiastadt e.V. / Beirat »Initiative ergreifen«)

Referent:innen:
Christian Hampe (Utopiastadt gGmbH)
Matthias Wanner (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut und Mitglied des transzent)
Boris Bachmann (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am transzent)
Frauke Burgdorff (Beirat Netzwerk Immovielien und »Initiative ergreifen«, Beigeordnete für Planung, Bau und Mobilität bei der Stadt Aachen)

Das Forum:Mirke bedankt sich für die Unterstützung durch die Bezirksvertretung Wuppertal-Elberfeld und den Projektpartner Baukultur Nordrhein-Westfalen e.V.

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Talbohne | die Kaffeemanufaktur im Quartier

Text von Max-Mosche Kohlstadt | Bild von Wolf Sondermann

Die kleinen braunen Bohnen werden immer berühmter. Viele treffen sich gerne bei einer Tasse um ins Gespräch zu kommen, manche brauchen ihn um aufzustehen und andere genießen ihn zum Dessert – die Rede ist von Kaffee. Kein Wunder das sich auch in der Talstadt immer mehr um die Bohnen dreht. Neben zahlreichen Cafés öffnen immer mehr Röstereien im Stadtgebiet. Jetzt auch im Quartier!
Vor zweieinhalb Wochen eröffneten zwei Wuppertaler*innen ihren ganz eigenen Raum, den sie fortan den kleinen schwarzen Bohnen widmen – die Kaffeemanufaktur »Talbohne«. In zwei 40ft Container auf der Utopiastadt Campus Raumstation wird in Zukunft frischer Kaffee geröstet, zubereitet und an Kund*innen verkauft. Die Neueröffnung nahmen Wolf und Ich zum Anlass uns mit Yvonne und Sebastian, Initator*innen von »Talbohne«, bei einer Tasse Espresso zu treffen und mit ihnen über ihr Konzept, ihre Idee und Beweggründe zu sprechen.

(v.l.) Sebastian und Yvonne | Foto von Wolf Sondermann

Nach knapp drei Jahren des Großdenkens, der Konzeption und Umsetzung in Eigenarbeit eröffnete vor zweieinhalb Wochen die Kaffeemanufaktur »Talbohne« auf der Utopiastadt Campus Raumstation an der Nordbahntrasse. Doch wie kam es dazu und welche Hürden überwandten sie vor der Eröffnung?
Sebastian hatte schon immer Freude an Kaffee. Doch als er vor drei Jahren den Vizemeister im Kaffeerösten (ja es gibt tatsächlich eine Meisterschaft im Kaffeerösten!) kennenlernte, entfachte das eine Leidenschaft in ihm. Gemeinsam mit Yvonne entschlossen sie sich dazu ihre neu entfachte Leidenschaft in eine Geschäftsidee umzuwandeln. Nach langwieriger Suche und Abwägung des Standorts fiel die Wahl, statt auf ein Ladengeschäft in der Wuppertaler Innenstadt, auf den Standort »Utopiastadt« an der Nordbahntrasse. Laut eigener Aussage von Yvonne und Sebastian war diese Entscheidung reine Herzensangelegenheit, denn das Konzept der »Talbohne« könnte an keinen anderen Ort besser passen. Nach der Klärung der Bedingungen und der Möglichkeiten erwerben sie zwei 40ft Container die fortan Teil der Utopiastadt Campus Raumstation (USCRS) werden. In drei Monaten der aufwändigen Eigenarbeit bauen sie diese selbst aus und um und schaffen damit den Standort »Talbohne«. Yvonne betont, dass sie sich seit jeher gut aufgehoben fühlen und die tolle Nachbarschaft und der besondere Zusammenhalt ihr sehr gefällt.
Aber warum genau an diesem Ort? Yvonne und Sebastian gefällt das Konzept von Utopiastadt durch gemeinsame Kräfte einen Mehrwert für die Gemeinschaft zu erschaffen.  Natürlich wäre es leichter gewesen bereits renovierte Räumlichkeiten anzumieten, statt über ein halbes Jahr zwei 40 Fuß Container in Eigenarbeit auszubauen. Die Zwei suchen laut eigener Aussage allerdings das Besondere und Eigene und finden in dem Konzept der Utopiastadt Campus Raumstation ihre Idee wieder.

Die Manufaktur von innen | Foto von Wolf Sondermann

»Talbohne« steht für ein neuartiges Konzept, dass sich irgendwo zwischen Kaffeerösterei, Café und Conceptstore einordnen lässt. Hier wird allerdings kein seelenloser Lifestyle dargeboten. Stattdessen legen Yvonne und Sebastian besonderen Wert auf die Art und Weise wie sie dieses Konzept leben und gestalten. Dabei fokussieren sie sich auf fairen Handel und ein durch und durch nachhaltiges Konzept mit Ambitionen zu einer No-Waste Philosophie.
Sebastian verarbeitet deswegen nur fair gehandelte Kaffeebohnen die ohne Zwischenhändler*in direkt von den Kleinbäuer*innen erworben werden. Darin wird mit eingeschlossen, dass die Gelder für den Erwerb der Bohnen nicht nur an die Besitzer*innen der Anbaugebiete fließen, sondern ebenso an die Menschen die diese bestellen, versorgen und ernten. Außerdem werden direkt die Erzeugnisse ganzer Felder abgekauft, sodass die Existenzen der beteiligten Bäuer*innen garantiert gesichert sind. Aber auch in Sachen Nachhaltigkeit geht das Konzept Talbohne mit großen Schritten voran. Die von Ligarti designten Verpackungen bestehen zu 100% aus recyclebarem Rohstoffen und auch der Kaffeesatz wird nicht einfach in den Müll geschmissen. Stattdessen wird er entweder an die benachbarten Gärtner*innen des UtopiastadtGartens als Dünger oder an die Lebenshilfe weitergegeben. Letztere produziert aus den Kaffeeresten eine Kaffeeseife die z.B. im Conceptstore erworben werden kann. Des Weiteren produziert Yvonne aus den Kaffeesäcken, in denen die Bohnen geliefert werden, verschiedene Unikate, die im Conceptstore erwerben werden können – von Schlüsselanhängern bis hin zu Beuteln. Ganz im Sinne des Zusammenhalts und der lokalen Vernetzung streben Yvonne und Sebastian die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Wuppertaler Akteur*innen an. Bisher arbeiten sie bereits mit der Lebenshilfe Wuppertal und Remscheid, der Tiermanufaktur Ligarti und einigen Cafés zusammen.
Doch all diese Ambitionen können ohne ein durchsichtiges Geschäftsmodell keinen Vorbildcharakter mit sich tragen. Deswegen legen Yvonne und Sebastian wert darauf möglichst nachvollziehbar mit ihrer Lebens- und Produktionsweise umzugehen und freuen sich immer über interessierte Gespräche mit Kund*innen.

Ausblicke hinter der Theke | Foto von Wolf Sondermann

Sebastian liebt Kaffeebohnen und im Gespräch stellt sich heraus, dass das Kaffeerösten eine Philosophie für sich darstellt. Kaffee besitzt circa 1000 verschiedenen Aromen die durch unterschiedliche Handhabungen aus der Bohne herausgearbeitet werden können (im Vergleich: Wein hat ca. 600 Aromen). Dabei spielen verschiedenste Parameter wie z.B. die Sorte der Bohne, das Wetter in dem die Bohne reifte, Hitze unter der sie verarbeitet wird, Dauer der Hitzezufuhr und und und eine Rolle. Deswegen ist es nicht einfach eine reproduzierbare Kaffeevariation herzustellen. Gleichzeitig eröffnet diese Vielzahl an Variationen ebenso einen enormen Raum in dem experimentiert und neue Kreationen zusammengestellt werden können. Bis dato ist der Röster allerdings noch nicht an seinem endgültigen Standort im Container angekommen – dies wird voraussichtlich auch erst Anfang Dezember so weit sein. Bis dahin röstet Sebastian bei einem Freund in Hamburg und bringt die fertigen Bohnen in die Talstadt.

Neben den eigens produzierten Produkten aus Kaffeebohnen und deren Verpackung bietet »Talbohne« außerdem Raum für die Produkte weiterer nachhaltiger Wuppertaler Labels. Außerhalb der Öffnungszeiten des Hutmachers bereitet Yvonne die selbst produzierten Bohnen auch in Kaffeespezialitäten zu. Während der Öffnung des Hutmacher können Kund*innen die Kaffeevariationen der Talbohne direkt in der ehemaligen Bahnhofsschalterhalle genießen. Das Ganze stellt keine Konkurrenz dar, sondern vielmehr eine Kooperation, die es dem*der Endkund*in ermöglicht auch außerhalb der Öffnungszeiten des Hutmachers in den Genuss guten Kaffees auf der Nordbahntrasse zu gelangen. Sprich auf deinem Weg zur Arbeit kannst du nun ganz unkompliziert leckeren, fair-produzierten und nachhaltigen Kaffee genießen – das schmeckt!

die Kaffeebohnenkreationen Johannes, Pina und Else | Foto von Wolf Sondermann

Nach unserem Treffen können wir ganz ehrlich sagen: »Talbohne« ist Quartier:Mirke approved!
Nicht nur im Sinne der einzigartigen Kaffeekreationen stellt »Talbohne« einen Zugewinn für das Quartier dar. Auch als aufstrebender Einzelhandel bereichert die Manufaktur das Quartier und stellt erneut heraus wie vielfältig und interessant das Quartier ist und wird. Wenn ihr auch mal in den Genuss der Kaffeevariationen der Talbohne geraten wollte, dann schaut doch einfach bei Sebastian und Yvonne vorbei. Die knallig bemalten Container sind bereits aus der Ferne gut zu erkennen. Außerdem würden wir herzlichst empfehlen den beiden auf den gängigen Social Media Accounts [Facebook|Instagram] zu folgen und die Homepage zu besuchen, um ständig auf dem Laufenden zu bleiben!

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Utopiastadt Lounge | Samstag 26. September 2020 | 18:30

Utopiastadt Lounge

Utopiastadt ist vieles. Ein alter Bahnhof. Ein Art zu denken. Ein Lebensgefühl. Eine Initialzündung eines andauernden Kultur- und Gesellschaftskongresses mit Ambitionen und Wirkung, wie manch ein*e Utopist*in in der Vergangenheit zu sagen pflegte.

Vor allem aber sind Utopiastadt wir. Es ist die Summe der individuellen Empfindungen und Blickwinkel, in Kombination mit gesundem Mut zur Lücke und Tatendrang, die diesen Ort beleben und produktiv werden lassen. Doch es ist oft nicht einfach bei all den Eindrücken den Überblick zu behalten. Gemeinsam mit dir haben wir deshalb die »Utopiastadt Lounge« ins Leben rufen um Durchblick zu schaffen. Im Rahmen dieses Veranstaltungsformats eröffnen wir Raum für aktuelle Neuigkeiten aus Utopiastadt, historische Funde aus utopischen Gemäuern und utopische Persönlichkeiten. So viel Utopie in einem Format – das kann nur gut werden! Schaltet ein und lernt uns kennen – in der zweiten Ausgabe stellen sich einige unserer Hutmacher*innen einmal genauer vor.

COVID-19:
Die Utopiastadt Lounge und das anschließende Konzert finden auf unserem Campus statt. Bringt gerne eure Picknickdecken mit! Auf dem Veranstaltungsgelände gilt die obligatorische Maskenpflicht. Am eigenen Platz darf die Maske abgelegt werden. Zur möglichen Kontaktverfolgung sammeln wir am Einlass eure Kontaktdaten ein. Den Eintrittspreis bestimmst du selbst.

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Wir sind für den deutschen Nachbarschaftspreis 2020 nominiert!

Utopiastadt wurde aus über 900 Einreichungen für den Deutschen Nachbarschaftspreis 2020 nominiert. Der Preis wurde von der nebenan.de Stiftung ins Leben gerufen, um nachbarschaftliches Engagement auszuzeichnen. Unser Projekt ist damit unter den Besten unseres Bundeslandes und eines von deutschlandweit 107 nominierten Projekten. Die Nominierung zeigt, dass wir mit unserem Engagement auf dem richtigen Weg sind und nachweislich einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Darauf sind wir stolz!

Mit der Nominierung haben wir nun die Chance auf einen der Landes- und Bundespreise.

Wie geht es weiter?

Die unabhängigen Expertenjurys der Bundesländer werden Ende September aus allen nominierten Projekten 16 Landessieger auswählen, die bei der Preisverleihung am 10. November 2020 in Berlin ausgezeichnet werden und ein Preisgeld von 2.000 Euro erhalten. Alle Landessieger bekommen zudem die Chance auf die Auszeichnung zum Bundessieger. Die Bundesjury wird unter allen Landessiegern drei Bundessieger (1. Platz 10.000 Euro, 2. Platz 7.000 Euro und 3. Platz 5.000 Euro) bestimmen.

Weitere Informationen: www.nachbarschaftspreis.de